Berufungsentscheidung - Steuer (Referent) des UFSW vom 19.12.2011, RV/4016-W/10

Abzugsfähigkeit eines Coaching-Seminars

Rechtssätze

Folgerechtssätze

RV/4016-W/10-RS1 Permalink Rechtssatzkette anzeigen
wie RV/4010-W/10-RS1
Aufwendungen für ein Coaching-Seminar sind jedenfalls dann nicht als Werbungskosten abzugsfähig, wenn nach dem Seminarinhalt nicht die berufliche Weiterbildung im Vordergrund steht, sondern die Selbsterfahrung und die Persönlichkeitsbildung.

Entscheidungstext

Der Unabhängige Finanzsenat hat über die Berufung der Mag. Bw., W., gegen den Bescheid des Finanzamtes Wien 9/18/19 Klosterneuburg betreffend Einkommensteuer (Arbeitnehmerveranlagung) 2009 entschieden:

Der Berufung wird teilweise Folge gegeben.

Der angefochtene Bescheid wird abgeändert.

Die Bemessungsgrundlagen und die Höhe der Abgabe sind dem als Beilage angeschlossenen Berechnungsblatt zu entnehmen und bilden einen Bestandteil dieses Bescheidspruches.

Entscheidungsgründe

Die Berufungswerberin (Bw.) machte in der Arbeitnehmerveranlagung 2009 unter anderem die Aufwendungen für einen Coaching-Lehrgang (Dauer März 2009 - Juni 2010) in Höhe von € 8.544 sowie für ein Individualcoaching in Höhe von € 420 (7 Stunden à 60 €) als Werbungskosten geltend. Die Bw. war bis 15.9.2009 bei der S-GmbH beschäftigt, war danach arbeitslos, und ist nunmehr seit 1.6.2010 bei der B-GmbH tätig.

Im Einkommensteuerbescheid wurden die Kosten vom Finanzamt mit der Begründung nicht anerkannt, dass Kurse oder Lehrgänge, deren vermitteltes Wissen von eher allgemeiner Art ist und nicht nur für Personen der Berufsgruppe der Bw. vorgesehen seien, keine Werbungskosten darstellen.

Die Bw. erhob gegen den Bescheid fristgerecht Berufung und führte darin aus, dass der Coaching Lehrgang keinesfalls "allgemeines Wissen" vermittle, sondern solches, das für eine moderne Führungskraft unerlässlich sei. Natürlich beziehe sich der Lehrgang nicht aufs Marketing, aber jeder Manager sollte sich in seinen Führungsqualifikationen weiterbilden. Die Bw. habe im Zuge des Lehrgangs Wissen erarbeitet, das sie dabei unterstütze, ihre Mitarbeiter auf zeitgemäße Art zu coachen und zu führen. Der Lehrgang sei auch schließlich einer der wesentlichen Gründe, warum sie unter vielen Bewerbern als optimale Kandidatin für ihren aktuellen Job ausgesucht worden sei.

Das Finanzamt legte die Berufung ohne Erlassung einer Berufungsvorentscheidung der Abgabenbehörde zweiter Instanz zur Entscheidung vor.

Die Berufungsbehörde richtete an die Bw. ein Schreiben folgenden Inhalts:

"1. Sie werden gebeten, ein genaues Kursprogramm über die bei dem von Ihnen absolvierten Coachinglehrgang vermittelten Lehrinhalte sowie eine Beschreibung der im Individualcoaching besprochenen Themen zu übersenden.

2. Sie bringen in Ihrer Berufung vor, die Absolvierung des Lehrgangs sei einer der wesentlichen Gründe gewesen, warum Sie unter vielen Bewerbern als optimale Kandidatin für Ihren aktuellen Job ausgesucht worden sind. Gibt es hierfür irgendwelche Belege bzw. Nachweise?

3. Haben Sie im Streitjahr oder zu einem anderen Zeitpunkt Kostenersätze bezüglich Ihrer Coachingaufwendungen von Ihrem früheren oder jetzigen Arbeitgeber oder von dritter Seite (zB AMS) erhalten?"

Die Bw. legte in Beantwortung des Schreibens eine Beschreibung der einzelnen Module des Coachinglehrgangs vor. In den Individualcoachings seien folgende Themen besprochen worden: Konfliktmanagement, Mitarbeiterführung, Kommunikation mit Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern, Umgang mit Stress.

Weiters bestätigte der nunmehrige Arbeitgeber der Bw., dass u.a. der von der Bw. absolvierte Coachinglehrgang und die damit erworbenen Kompetenzen - insbesondere hinsichtlich Kommunikation und Konfliktlösung - ein Grund war, sie unter den Bewerbern für die Position des Marketing Managers auszuwählen.

Schließlich gab die Bw. bekannt, sie habe keine Kostenersätze für die Coachingaufwendungen erhalten.

Der Coachinglehrgang umfasste laut beigelegter Aufstellung folgende Themen:

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Über die Berufung wurde erwogen:

Gemäß § 16 Abs. 1 Z 10 EStG 1988 in der für das Streitjahr geltenden Fassung sind Werbungskosten auch:

"Aufwendungen für Aus- und Fortbildungsmaßnahmen im Zusammenhang mit der vom Steuerpflichtigen ausgeübten oder einer damit verwandten beruflichen Tätigkeit und Aufwendungen für umfassende Umschulungsmaßnahmen, die auf eine tatsächliche Ausübung eines anderen Berufes abzielen."

Demgegenüber dürfen gemäß § 20 Abs. 1 Z 2 lit. a EStG 1988 bei den einzelnen Einkünften Aufwendungen oder Ausgaben für die Lebensführung nicht abgezogen werden, selbst wenn sie die wirtschaftliche oder gesellschaftliche Stellung des Steuerpflichtigen mit sich bringt und sie zur Förderung des Berufes oder der Tätigkeit des Steuerpflichtigen erfolgen.

Im Berufungsfall hat die Bw. nicht vorgebracht, es lägen umfassende Umschulungsmaßnahmen vor, die auf eine tatsächliche Ausübung eines anderen Berufes abzielen. Auch aus der sonstigen Aktenlage ergibt sich darauf kein Hinweis. Es muss daher nur überprüft werden, ob die geltend gemachten Aufwendungen für Coaching Aus- und Fortbildungsmaßnahmen im Zusammenhang mit der von der Steuerpflichtigen ausgeübten oder einer damit verwandten beruflichen Tätigkeit darstellen.

Der Verwaltungsgerichtshof hat wiederholt ausgesprochen, dass bei Aufwendungen, die in gleicher Weise mit der Einkunftserzielung wie mit der privaten Lebensführung zusammenhängen können, bei denen die Behörde aber nicht in der Lage ist zu prüfen, ob die Aufwendungen durch die Einkunftserzielung oder durch die private Lebensführung veranlasst worden sind, die Behörde diese nicht schon deshalb als Betriebsausgaben oder Werbungskosten anerkennen darf, weil die im konkreten Fall gegebene Veranlassung nicht feststellbar ist. In Fällen von Aufwendungen, die ihrer Art nach eine private Veranlassung nahe legen, darf die Veranlassung durch die Einkunftserzielung vielmehr nur dann angenommen werden, wenn sich die Aufwendungen als für die betriebliche oder berufliche Tätigkeit notwendig erweisen. Die Notwendigkeit bietet in derartigen Fällen das verlässliche Indiz der betrieblichen oder beruflichen Veranlassung im Gegensatz zur privaten Veranlassung (vgl. zB VwGH 28.5.2008, 2006/15/0237 mwN). Nicht abzugsfähig sind jedenfalls alle Bildungsmaßnahmen, die auch bei nicht berufstätigen Personen von allgemeinem Interesse sind (sh. Jakom/Lenneis EStG, 2011, § 16 Rz 52).

Misst man das oben wiedergegebene Programm der einzelnen Module an diesen Kriterien, so ergibt sich, dass die Bw. zwar wohl durchaus einzelne Impulse für ihre berufliche Tätigkeit gewinnen konnte und sie auch allenfalls Vorteile bei der Bewerbung für ihren nunmehrigen Posten hatte, die dort vermittelten Inhalte aber auch in großem Ausmaß für den privaten Lebensbereich vor allem in Hinblick auf Selbsterfahrung und Persönlichkeitsbildung von Bedeutung sind. Der Coaching-Lehrgang beinhaltet somit ein typisches Mischprogramm, das einen Abzug der damit verbundenen Aufwendungen aus den oben dargelegten Gründen nicht zulässt. Auch der Umstand, dass der Arbeitgeber keinen Kostenbeitrag geleistet hat, spricht gegen den Standpunkt der Bw.

Allerdings wird dem Vorbringen der Bw. Glauben geschenkt, dass den Individualcoachingstunden eine (so gut wie) ausschließlich berufliche Veranlassung zugrunde lag, weshalb an zusätzlichen Werbungskosten 420 € gewährt werden können.

Beilage: 1 Berechnungsblatt

Wien, am 19. Dezember 2011